Wie Sneaker-Labels den Used-Look für sich entdecken

Ist das Müll oder kann man das noch anziehen?

Kurzer Kontrollblick ins Schaufenster des Sneakers-Geschäfts. Ja, doch, das sollen wirklich brandneue Schuhe sein. Wer momentan durch die Einkaufsmeilen großer Modestädte wie London oder Rom schlendert, wird sich wohl mehr als einmal verwundert die Augen reiben, wenn er die dort angepriesenen, dreckigen Kicks sieht. Sind wir hier in einem Second-Hand-Shop gelandet? Mitnichten. Es ist DER Trend des Frühjahrs: Sneakers im Used- und Destroyed-Look. Ist das Müll oder kann man das noch anziehen? Eine Diskussion.

Used Look Sneakers

Used Look Sneakers von Golden Goose

Das Konzept erscheint zunächst so sinnlos, wie unverständlich. Zahlreiche Sneaker-Labels bringen derzeit Schuhe auf den Markt, die zwar brandneu vom Fertigungsprozess kommen, aber steinalt und abgewetzt aussehen. Dazu treiben die Labels aber nicht ihre Angestellten in den neuen Schuhen über einen schlammigen Rübenacker, sondern wenden einen komplizierten Bearbeitungsprozess an, in dem die Schuhe mithilfe diverser Werkzeuge lediglich auf alt getrimmt werden: Ein bisschen Farbe an die Sohle, das Leder wird künstlich vergilbt und Nähte und Stoff werden leicht angeraut. Dazu noch ein paar Destroyed-Details wie angedeutete Löcher und eine ausgebeulte Form – fertig ist der Used-Look-Sneaker.

Vintage Sneakers by Golden Goose

Vintage Sneakers mit beschriebener Sohle

Sie sollen Outdoorfeeling vermitteln, bequem wirken und Lässigkeit ausstrahlen – und immer mehr Labels springen auf den Trend auf. Selbst Converse – Heimat der berühmten Chucks, die bekanntermaßen nur dreckig richtig gut aussehen (hier bitte den Link zum Artikel „Schmutzige Gedanken – welche Sneakers so richtig Dreckig sein müssen“, Februar 2013) – hat mittlerweile von Haus aus angesiffte Sneaker-Modelle im Sortiment, verdreckte Schnürsenkel inklusive. Kostenpunkt: Stolze 290 Euro. Zu Recht fragt sich der Schuh-Nerd, warum um alles in der Welt er so viel Geld in ein paar Schuhe investieren soll, die er auch mit einem Griff in die hinterste Ecke seines hauseigenen Schuhregals bekommen kann – und zwar völlig kostenlos. Der Gedanke der Hersteller ist so einfach wie effektiv: Wer mit dem Trend gehen will, möchte gerne nach „Used-Look“ aussehen, möchte ihn aber möglichst nicht fühlen. Ein Problem, welches man mit den „echten“ ausgelatschten Sneakers jedoch oft hat. Die alten Air Max sehen meist nicht nur dirty aus, sondern bieten in der Regel auch viel weniger Tragekomfort, etwa weil die Sohle abgelaufen ist, sie löchrig und undicht geworden sind oder weil sie sich schlicht und einfach nicht mehr bequem anfühlen – alles Probleme, die der Sneakerfreund mit Schuhen, die zwar auf alt getrimmt, aber eigentlich brandneu sind, nicht hat.

Used Look Sneaker

Used Look Rockstar Sneaker von Candice Cooper in blau

Weitere Vorteile liegen auf der Hand: Anstatt, wie mit den regulär cleanen Sneakers akribisch darauf achten zu müssen, sauber zu bleiben, kann man mit den Used-Sneakers ohne Sorgen durch den matschigen Regen laufen. Der Moment, wenn sich die Wolken zusammenbrauen stellte für Besitzer brandneuer, weißer Schuhe bislang den absoluten Horror dar – mit Used-Look Sneakers ruft er nur noch ein gleichgültiges Achselzucken hervor. Was bleibt ist die zentrale Frage danach, ob es einem viel Geld wert ist, alt aussehende Sneakers zu tragen. Eine Frage, die sich Mode-Fans berechtigterweise auch immer wieder bei Shirts, Jeans und Jacken stellen. Der oftmals gesalzene Aufpreis für die Wegwerf-Optik ließe sich in vielen Fällen auch vermeiden, indem man sich etwas günstigere, saubere Modelle kauft, sie ein bisschen einläuft oder einfach entsprechend „bearbeitet“. Vielen scheint der „echte“ Used-Look nicht so ansehnlich wo jener zu sein, der künstlich vom Hersteller erzeugte. Was für den jeweiligen Sneaker-Fan nun der real Deal ist, das kann nur er persönlich für sich entscheiden.
Wir blicken derweil gespannt in die Zukunft und freuen uns auf kommende Trends wie Sneakers mit destroyed-Optik und ohne Funktionalität: Schuhsohlen, die bewusst zur Hälfte vom Schuh abgelöst wurden, großflächig ins Leder geschnittene Löcher und künstlicher Plastik-Schlamm, der gleichmäßig über die Sneakers verteilt wurde. Ausprobieren könnten es die Labels ja mal…

Wer Lust auf Used Look Sneakers hat, sollte die Labels Golden Goose und Candice Cooper auschecken.

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