Lippenstift, Licht, Kamera, Action – Internet-Hype Haul-Videos

YouTube hat die Art und Weise wie wir fernsehen (soweit der Begriff „fernsehen“ überhaupt noch passend ist) in weiten Teilen verändert: Früher schaltete man die Glotze ein und sah das, was im Programm war, getreu dem Motto „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“. YouTube, MyVideo, Mediatheken und zahllose Streamingdienste lassen es mittlerweile jedoch problemlos zu, selbst zu entscheiden, was auf dem Programm steht. Mehr noch: Man kann damit selbst zum Star werden. Viele Privatpersonen sind mit ihren Video-Blogs (kurz: Vlogs) und YouTube Channels in kurzer Zeit zu populären Persönlichkeiten geworden. Egal ob provokante Comedy a la Jenna Marbles oder Fastfood-Kritiken a la Daym Drops – irgendwie scheint es auf jedem Gebiet mittlerweile einen Verrückten zu geben, der es schafft, das Publikum 2.0 für sich zu gewinnen. Natürlich hat auch die Mode/Style/Trend-Nische schnell ihre Vertreter gefunden. Mit den so genannten „Haul-Videos“.

…ein klassisches Haul von „Akalineable„, einer bekannten Vloggerin

Beutezug 2.0

Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff? Im Prinzip ist es fast selbsterklärend: „Haul“ bedeutet so viel wie Fischfang oder Beute, lässt sich in diesem Fall aber auch auf einen Shopping-Beutezug beziehen. Die Haul-Vlogger präsentieren die Errungenschaften ihres letzten Shoppingtrips vor der Kamera, geben Bewertungen und Anwendungstipps ab, beantworten User-Fragen, kommentieren Diskussionen zu Produkten, aktuellen Trends und so weiter. Daraus hat sich vor allem in den USA eine echte Bewegung entwickelt. Doch auch in Europa verbreitet sich das Phänomen zunehmend, wenn auch in kleineren Ausmaßen: während die Haul-Stars aus Übersee in ihren Videos regelmäßig die Millionen-Views Grenze knacken, befinden sich die Klickzahlen der erfolgreichsten Haul-Videos-Produzenten hierzulande im fünfstelligen, selten im sechsstelligen Bereich pro Video.

Von der Jugend akzeptiert

Vor allem die junge Zielgruppe scheint sich von Haul-Videos stark bei der Kaufentscheidung bestimmter Produkte beeinflussen zu lassen. Während sich bei den Jungs vor allem Technik-Vlogger mit ihren „Hands On“-Videos aktueller Smartphones oder Tablets zur Unterstützung bei der Kaufentscheidung durchgesetzt haben, sehen sich die Mädels Haul-Videos über verschiedene Mascaras, Lippenstifte aber auch Stücke der aktuellen H&M-Kollektionen an und vertrauen den Empfehlungen der Vlogger(-innen). Die enge Verknüpfung mit anderen Social Network-Diensten wie Facebook und Twitter tut ihr Übriges: durch die permanenten Austausch zwischen Vlogger und Publikum wird der Haul-Video-Star für die Zuschauer greifbar, er beantwortet Fragen, geht auf Vorschläge, Wünsche und Kritik ein und gilt als kompetenter Meinungsführer. Was der Haul-Profi sagt, ist nicht selten Gesetz und wirkt oft überzeugender als herkömmliche Produktwerbung oder ein Urteil von Stiftung Wahrentest. Warum? – Weil er aus der Masse der Zuschauer kommt. Der Haul-Star ist einer „von uns“, seinen Worten vertrauen wir mehr, als undurchsichtigen Labortests oder fadenscheinigen Werbespots.

Von der Wirtschaft nicht unbemerkt

Die Entwicklung ist an den Konzernen natürlich nicht spurlos vorüber gegangen. Längst hat die Wirtschaft die Macht der Haul-Videostars erkannt und entsprechend gehandelt. Man muss heute davon ausgehen, dass die vermeintlich ehrliche Meinung der Haul-Vlogger von immer mehr Unternehmen „gekauft“ wird. Produkte werden kostenlos an die Macher verschickt, es werden Verträge zwischen Firmen und Vloggern geschlossen, für positive Bewertungen fließt oft Bares – das ist der Fluch dieser Entwicklung. Der Haul-Hype ist bereits einige Jahre im Gange und das Wort des scheinbar unbeleckten YouTube-Stars aus der Masse ist mit Sicherheit nicht mehr so glaubhaft wie in seinen Anfangstagen. Immerhin gehen einige der Haul-Vlogger offen mit dieser Problematik um und erwähnen, woher genau sie ein Produkt erhalten haben und testen es dennoch kritisch. Wie oft jedoch geflissentlich unter den Teppich gekehrt wird, was Hinter den Kulissen passiert, lässt sich nur erahnen. Fakt ist: Pure Naivität an den Tag zu legen und blind auf die Meinung der YouTube-Haul-Vlogger zu vertrauen ist für den Konsumenten nicht die beste Strategie. Kritisch mit den Tests umzugehen und sich selber ein Bild zu machen, bevor man Unmengen von Geld für um die Ecke beworbene Produkte ausgibt, sollte nach wie vor eine Selbstverständlichkeit sein. Und wenn man das im Hinterkopf behält, kann man Haul-Videos gut und gerne dafür benutzen, um sich für die nächsten Shopping-Eskapaden inspirieren zu lassen!

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