Kleider machen Leute – oder nicht?


Ach Gott, diesen neunmalklugen Weisheiten, mit denen uns Eltern und Omis früher immer penetriert haben. Wer erinnert sich nicht an solche Kracher wie: „Wenn du deinen Teller nicht aufisst, gibt es morgen schlechtes Wetter“, „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ oder natürlich „Kleider machen Leute“. Letzterem wollen wir uns diesmal genauer widmen. Was ist denn eigentlich dran, an diesem Spruch, der uns abgenutzter als Paris Hilton erscheint? Ein Spruch, der auf den ersten Blick nicht mehr als eine reine Worthülse für uns ist. Was steckt dahinter?

Natürlich denken wir alle bei diesem Spruch erst einmal, dass sich das wohl irgendein gutaussehender, scharfsinniger und äußerst oberflächlicher Mensch ausgedacht haben muss, der ohne Persönlichkeit auf die Welt kam und nur deshalb erfolgreich wurde, weil er sich zum richtigen Zeitpunkt in Schale geschmissen hat und Eindruck schinden konnte.

Fakt ist aber: Mode und das richtige Auftreten machen einen zunehmend bedeutenden Teil unseres Lebens aus. Das sieht man in fast allen Bereichen des Alltags. Wenn wir zu einem Vorstellungsgespräch gehen, erwartet man von uns in Anzug oder Blazer zu kommen und nicht in Schlabberpulli und Trainingshose. Auf der Straße wollen wir über unsere Kleidung Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder zumindest Modebewusstsein vermitteln. Wir wollen zeigen, für was wir stehen. Man spricht gerne vom Dresscode. Doch abseits von seiner eigentlichen Bedeutung, umschreibt das Wort eigentlich schon ganz gut, was Kleidung selbst ist. Denn sie selbst, die Sachen, die wir tragen, sind der Code. Er gibt meinem Gegenüber, der mich möglicherweise noch gar nicht kennt, Hinweise auf meine Persönlichkeit. Er kann ihm einen Eindruck davon vermitteln, mit welcher Person er es zu tun hat. Wer kann schon in den ersten zwei Sekunden tief in die Seele seines Gesprächspartners hineinschauen und wissen, wer er ist, und ob man sich überhaupt mit dieser Person auseinandersetzen will? Schon alleine deshalb brauchen wir den Code der Kleidung – wir wollen einen positiven ersten Eindruck machen. Wir wollen die neue Bekanntschaft für uns gewinnen, egal ob im Büro, bei Bewerbungsgespräch oder in der Bar.

Dass hierfür nicht unbedingt C-Ware aus der Takko-Fashion Sommerkollektion geeignet ist, sollte jedem klar sein. Wer zur Hochzeit des besten Freundes erscheint, der will natürlich was her machen, und da ist es nun mal mit einem 20-Euro-Outfit nicht getan. Hinzu kommt, wer Qualität will, muss dafür Geld in die Hand nehmen. Zwar kostet die North-Face Jacke ihre 300 oder 400 Euro, man bezahlt aber nicht nur den Namen, sondern auch für astreine Qualität. Wie robust und langlebig ist bitte ein so hochqualitatives Outdoor-Exemplar und viele C&A Jacken hat man in seinem Leben bereits weggeschmissen?

Bitte nicht falsch verstehen: Dies soll klein Plädoyer dafür sein, das Klo in Zukunft in Calvin Klein-Robe zu schrubben oder mit Gucci-Oberteil am Herd zu stehen und Tomatensoße zu kochen. Auf der anderen Seite darf das Tragen hochwertiger Mode nicht als reine Oberflächlichkeit abgetan werden. Es ist nicht unbedingt eine Frage von Dazugehörigkeit oder Außenseitertum, sondern auch eine Möglichkeit zum Ausdruck eigener Individualität, ein verlängerter Arm des eigenen Charakters. Natürlich dreht sich hier alles um den ersten Augenblick, doch warum soll man für bestimmte Dinge den langen Weg einschlagen, wenn man in manchen Situationen die richtigen Signale auch durch seinen Style aussenden kann?

Alleine mit Listen und Tabellen hat noch niemand Karriere gemacht. Sympathie, Auftreten und Stil gehören ebenso in jede Erfolgsgeschichte – und im Idealfall steckt hinter einer vielversprechenden Fassade auch ein Mensch, dessen Persönlichkeit genauso interessant ist wie sein Outfit. Dann hat es seinen Zweck erfüllt, Interesse geweckt und den Weg zu dem geebnet, worauf es ankommt: die Person. Und wenn Kleidung dabei helfen kann, warum sollte man auf ihre Hilfe verzichten?

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