Die Avantgarde – wie Belgien eine Modemacht wurde

Ann Demeulemeester

Modern und klare Linien, Markenzeichen der Designerin Ann Demeulemeester, einer belgische Star Designerin

Natürlich denkt der Durchschnitts- und Möchtegern-Modekenner zunächst an Städte wie New York, Paris und Mailand, wenn es darum geht die Zentren der Modewelt zu benennen. Auf Städte wie Antwerpen oder Brüssel würde man vermutlich – wenn überhaupt – erst nach langer Überlegung kommen. Völlig ungerechtfertigt erscheint das, wenn man sich anschaut, wie sehr die Kreationen aus den beiden belgischen Städten auf den Fashionshows der Welt gefeiert werden. Unglaublich kreative Designer, hochinteressante Labels und ein paar der besten Modeschulen der Welt sind unserem kleinen Nachbarland bereits entsprungen. Zeit, einen Blick über den Tellerrand hinaus und in die belgische Modewelt hinein zu wagen.

Zugegeben, bis in die 80er Jahre hinein war Belgien in der Modewelt ein mehr oder weniger unbeschriebenes Blatt. Es war ein kleines Designerkollektiv, das die Wende brachte und das kleine unscheinbare Land mit einem Schlag zu einem global Fashion-Player machte. Die als „Antwerpen Six“ betitelte Designer-Gruppe aus Antwerpen kam als belächelte belgische Außenseiter-Truppe zur Londoner Fashion Show 1986. Sie kamen, präsentierten ihre unvergleichliche Mode, wurden gefeiert – und gingen als strahlende Sieger. Mit ihrer innovativen und avantgardistischen Mode, die völlig befreit von gängigen Trends oder einem vorgegeben Stil war, eroberten sie den internationalen Modemarkt im Sturm. Teil des Kollektivs war unter anderem Walter Van Beirendonck, der ohne Wenn und Aber, als einer der Exzentriker in der ohnehin schon exzentrischen Modewelt gilt. Dies kommt auch in seinen Stücken, die stets zwischen hinreißend und geisteskrank balancieren, zum Ausdruck. Biedere Karomuster werden mit Farbklecksen aus geometrischen Formen verbunden und lassen den Betrachter so verwirrt, wie begeistert zurück. Die Frage ist dabei nicht, wer so etwas tragen soll, sondern ob man Mode überhaupt versteht, wenn man es nicht tragen will!

Andere Labels, wie Scapa arbeiten mit einem deutlich dezenteren Look, der aber nicht weniger atemberaubend ist. Auch hier fällt die häufige Verwendung von Mustern, von Karo bis gepunktet auf, jedoch werden sie bei Scapa in einem traditionellen Kontext verwendet. In Verbindung mit gemäßigten Farben entstehen so Kollektionen, die sich nicht vor denen aus Italien und co verstecken müssen, sondern mit ihnen auf Augenhöhe stehen.

Sehr auffällig bei belgischer Mode (und sicher auch ein Verdienst der Antwerpen Six) ist, dass sich sämtliche Designer in ihren Stücken völlig unbeeinflusst von gängigen Trends präsentieren. Anstatt mit einem Auge auf die Laufstege der Welt zu schielen, konstruieren sie ihre ureigene, belgische Mode. Dazu gehört im Übrigen auch, sich nicht auf einen Look zu versteifen, nur um diesen als „typisch belgisch“ brandmarken zu können, sondern frei von Konventionen, das zu tun, was man will. Dieses Avantgardistische ist das, was belgische Mode von jeher auszeichnet. So lässt sich Mode aus Brüssel oder Antwerpen auch nicht als Mode kennzeichnen, die sich speziell auf den Luxussektor konzentriert, wie es jene aus Paris macht, sondern gibt sich schon beinahe konzeptionell-demokratisch.

Um zu verstehen, wo diese unbändige Kreativität der belgischen Designer herkommt, reicht es, sich vor Augen zu führen, wie akribisch an den Modeschulen in Brüssel und Antwerpen gearbeitet wird. In den beiden Modemetropolen des Landes gibt es keine „Szene“ wie wir sie in all den anderen Städten kennen. Der Verzicht auf Luxus und Glamour, das schon fast konsequente Ablehnen des „Gesehen und gesehen“-werdens lässt die Modeschöpfer umso härter, umso besser arbeiten.

Nichtsdestotrotz bieten die zahlreichen kreativen Köpfe Flanderns in zahllosen Boutiquen Brüssels und Antwerpens an. Viele Modekenner pilgern Jahr für Jahr hierher und lassen decken sich mit exklusiven Exemplaren der belgischen Mode ein – fernab von der Augenwischerei in London oder New York. Mit der Antwerpen Fashion Week hat die Stadt zudem zu Recht ihre eigene Plattform, um neuste Kollektionen der Welt präsentieren zu können und ganz klar zu zeigen, dass mit belgischer Mode weiterhin zu rechnen ist. Dass man aus Belgien bis ganz nach oben schaffen kann, bewies ein gewisser Raf Simons. Er startete in den 90er Jahren in Antwerpen, war ab 2005 Kreativdirektor bei Jil Sander, bevor er 2012 John Gallianos Nachfolger bei Dior wurde. Er gehört heute zur Weltspitze der Designer und hat es bis ganz nach oben geschafft – sicher nicht als letzter belgischer Modemacher.

Eine Antwort

  1. chris

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