Der Fall Galliano, oder die Frage: Wie viel Rassismus herrscht in der Modewelt?

John Galliano galt als Glanzlicht der Modewelt. Was konnte den Mann stoppen, der sich seit den Achtzigern stetig an die Spitze der Modewelt vorarbeitete und der seine Talente so in Szene setzte, dass er schon als sehr junger Designer die Möglichkeit bekam, sein Können bei Ikonen wie Oscar De La Renta unter Beweis zu stellen? Die Antwort auf die Frage, liegt – wie in so vielen Fällen von Scheitern – in der Natur des Mannes selbst. Nur John Galliano vermochte es, sich selbst zu stürzen. Nach den angesprochenen Atelierpraktika bei De La Renta wurde das Haus von Dior auf den jungen Tausendsassa aufmerksam – und das zu einer Zeit als sich die Luxusartikelbranche in einem kaum zu unterbindenden Abwärtsstrudel befand. Doch Galliano schien die Antwort auf den Negativtrend zu sein. Mit ihm ging es bei Dior aufwärts und das Unternehmen konnte sich wieder stabilisieren. Ähnlich wie bei den Häusern von Fendi und Chanel, die in den späten Achtzigern durch Lagerfeld an Schwung zulegten, war Galliano ein Heilsbringer für Dior geworden. Seine Modeschauen waren nicht nur ein absolut heiß ersehntes Event unter den Prominenten, sondern auch unter den den Kollegen. Durch Galliano gewann die Mode von Dior so stark, dass Karl Lagerfeld sogar eine Diät machte, um sich in die neue Herrenmode des Hauses kleiden zu können – ein wahnsinniges Lob für den jungen Designer.

Doch wie es in der Couture, dem Film und der Musikbranche zugeht, dass erfahren wir nicht nur aus den Klatschsparten, sondern auch von den Geschichten der gescheiterten Künstler, Sternchen und den Geläuterten der Branchen. Zu einen von Ihnen ist John Galliano geworden. Im Jahre 2011 kam es zum kompletten Absturz der neuen Designikone, die gerade auf dem kreativen Hochpunkt angelangt war. Galliano befand sich am 25. Februar 2011 in einem Pariser Restaurant. Wie ein Handyvideo belegt, äußert sich Galliano über die Tischnachbarin im Restaurant mehr als nur despektierlich. Galliano bezeichnet die junge Frau als „hässlich“ und macht Anmerkungen über deren jüdisches Aussehen. Damit nicht genug, äußert sich Galliano, dass man Menschen wie die Tischnachbarin unter Hitler in die Gaskammern gesteckt hätte, und das er selbst Hitler liebe. Nach der Veröffentlichung des Videos war es klar, dass eine Reaktion aus der Welt der Mode folgen musste. Nachdem Dior anfangs abgewartet hatte, wie sich der Fall juristisch ausspielen sollte, gab man Ende März 2011 die Trennung vom Designer bekannt, der sich mittlerweile schon durch seine eigene Linie Galliono einen Namen gemacht hatte – überflüssig zu erwähnen, dass natürlich auch die Eigenmarke an Ansehen verlor.

Doch wie kann man sich so verspielen, dass am Ende nichts mehr bleibt und sich ein Gros der alten Weggefährten distanzieren? Galliano rechtfertigte sein Handeln erst in diesem Sommer. In der Juniausgabe der Vanity Fair und bei der amerikanischen Talk-Legende Charlie Rose, legte John Galliano Zeugnis von seiner Arbeit und von seinem Charakter ab. Die Modewelt habe ihn unter solch starken Druck gesetzt, dass Galliano nicht nur unter Einfluss von Beruhigungsmitteln stand, sondern sich zur Zeit der verletzenden Aussagen auch unter starkem Einfluss von Alkohol befand. Als „Blackout Drinker“ sei er nicht mehr Herr seiner Lage gewesen. Galliano beteuerte kein Rassist und Antisemit zu sein und sich nun mehr seit über zwei Jahren in Therapie zu befinden. Ob alte Fans wie Natalie Portman (ihres Zeichens gläubige Jüdin) solche Beteuerungen akzeptiert, bleibt unklar – immerhin muss es absolut keinen stringenten Zusammenhang zwischen antisemitischen Vorurteilen und Alkoholismus geben, sonst wäre jeder Alkoholiker plötzlich auch Rassist. Der Fall Galliano ist ein Extrem. Er wird aber immer wieder vor dem Hintergrund anderer Problematiken der Fashionindustrie diskutiert. Die New York Times hatte erst kürzlich einen Artikel veröffentlicht, der beschrieb, wie wenige schwarze Models eine Chance in der Branche bekommen. Ist das Rassismus in der Mode? Wir werden am Thema dranbleiben.

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